Jul 12 2009

„Türkische Waisenkinder“: Lebten sie in Ostenfelde?

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Ostenfelde(gl). Der Bericht aus dem 17. Jahrhundert klingt wie eine fromme Legende. Christoph Bernhard von Nagel, ältester Sohn des Erbauers von Schloss Vornholz und dessen Nachfolger als General in Diensten der Fürstbischöfe von Münster, soll aus den sogenannten Türkenkriegen drei „türkische Waisenkinder“ mitgebracht haben, zwei Mädchen und einen farbigen Jungen.

Die beiden Mädchen seien später mit Bauern aus Ostenfelde und Westkirchen verheiratet worden. Den dunkelhäutigen Jungen habe der General zu seinem Diener gemacht und ihn stets anerkennend seinen „Läufer“ genannt. Testamentarisch habe er verfügt, dass dieser neben ihm in der Grablege der Familie von Nagel seine letzte Ruhestätte finden solle.
Christoph Bernhard von Nagel, 1653 auf Schloss Himmighausen, der Heimat seiner Mutter, geboren, begann schon früh eine militärische Laufbahn in Diensten der Fürstbischöfe von Münster. Mit 20 Jahren galt er bereits als „besonders fähiger Truppenführer und tollkühner Reiteroffizier“. Im Laufe seiner brillanten militärischen Karriere erwarb er sich hohes Ansehen. Schließlich nannte man ihn überall ehrenvoll „den tollen General“.
Gegen Ende des 13. Jahrhunderts war in Anatolien das Osmanische Reich entstanden. Es verfolgte eine äußerst expansive Politik und eroberte in recht kurzer Zeit den östlichen Mittelmeerraum. Nordafrika, der Vordere Orient und Südosteuropa kamen unter osmanische Oberhoheit. Schließlich zielte die Eroberungspolitik über den Balkan nach Mitteleuropa. Dort nannte man das neue Reich bald schon Türkei, ein Name, der sich schnell einbürgerte.
Weil die Türken gläubige Moslems waren, empfand man ihren Angriff als besondere Bedrohung des christlichen Abendlandes. Entsprechend galten sie viele Jahrhunderte als der Schrecken Europas. Zunächst waren sie auf dem Balkan recht erfolgreich. Zweimal, nämlich 1529 und 1683, gelangten sie bis vor Wien und belagerten die Stadt. Der Kaiser bat um sogenannte „Türkenhilfen“ in Form von Soldaten und Geldspenden.
Man sprach von „Türkennot“, und Papst Calixt III. ließ schon 1495 mittags mit der „Türkenglocke“ das „Türkengeläut“ ertönen, um die Gläubigen zu einem entsprechenden Gebet zu rufen. Um die Türkengefahr vom christlichen Abendland abzuwenden, wurde 1684 auf Anregung des Papstes Innozenz XI. die „Heilige Allianz“ geschlossen, ein Bündnis mehrerer europäischer Mächte. Gemeinsam sollten die Ungläubigen vom christlichen Abendland ferngehalten werden.
Viele europäische Länder schickten Truppen. An dem von 1683 bis 1699 dauernden „großen Türkenkrieg“ waren nachweislich mehrfach auch Truppen aus dem Fürstbistum Münster beteiligt.

Schild_1

Das Grabschild des sogenannten Läufers,eines Dieners von Christoph Bernhard von Nagel. Ob es den farbigen, angeblich türkischen Jungen wirklich gegeben hat, bleibt vielleicht für immer ein Rätsel.

Quelle: Tageszeitung “Die-Glocke”

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